Flughafenregion Berlin-Brandenburg: „In zehn Jahren eine der innovativsten und wirtschaftlich prosperierendsten Regionen Europas.“

von | Okt 4, 2021

Es war die mediale „Breaking-News“ deutschlandweit: Im November 2019 gab das US-amerikanische Unternehmen Tesla bekannt, sich für den Standort Grünheide nahe des Berliner Flughafens BER für seine Gigafactory entschieden zu haben. Seit Januar 2021 baut das Robert Koch-Institut ein Zentrum für Public-Health-Forschung am Standort Wildau. Die Flughafenregion BER scheint zu boomen. Wir sprachen mit Dr. Frank Hartmann von der TH Wildau und Experte für Regionalentwicklung über Stärken und Schwächen der Region.

 

Dr. Frank Hartmann hat auf dem Gebiet der Wissenschaftstheorie promoviert und forscht seit vielen Jahren anwendungsorientiert an der Schnittstelle von Innovation, Technologie und Regionalentwicklung. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Innovations- und Regionalforschung an der TH Wildau und in letzter Zeit vor allem im Bereich der strategischen Vorausschau aktiv.

Foto: M. von Amsberg

Zwischen Brandenburger Beschaulichkeit und Nähe zur Metropole Berlin: Welches Branding/welche Marke hat/hatte die Flughafenregion in Vergangenheit und Zukunft?

Hartmann: Berlin und Brandenburg haben sich natürlich über die Entscheidung von Tesla gefreut, in Grünheide eine Gigafactory zu errichten. Aber das war jetzt nicht die Initialzündung hin zu einer dynamischen Entwicklung oder boomenden Region rund um den im Oktober 2020 eröffneten Flughafen BER. In der Region sind mit Rolls Royce, Daimler, MTU oder Berlin Chemie schon große Unternehmen ansässig, und es gibt zudem viele kleinere, technologieorientierte Unternehmen, die in fast allen Clustern der sog. Innovationsstrategie von Berlin-Brandenburg beheimatet sind. Mit den Standorten Adlershof, Schöneweide und Wildau/Zeuthen bestehen ferner exzellente Zentren, was Wissenschaft und Technologie betrifft. Auch was die Bevölkerungsentwicklung anbelangt, entwickelt sich die Region dynamisch. Allerdings mangelt es daran, dass sich die Region in ihrem Selbstverständnis bis dato noch nicht als einheitliche Flughafenregion begreift und auch kein Branding bzw. eine Markengebung dahingehend besteht, um nach außen damit erfolgreich auf Öffentlichkeit, Politik und Gesellschaft zu wirken.

Wie definiert man eine Flughafenregion? Und welche Städte, Kreise in Berlin/Brandenburg gehören in die sog. Berlin-Brandenburgische Flughafenregion? 

Hartmann: Internationale Flughäfen sind wichtige Tore in die Welt mit der Funktion, die Anschlussfähigkeit ganzer Nationen und Regionen an vielfältige globale Austauschprozesse zu gewährleisten. Wissensaustausch, direkter Kommunikation, Treffen mit Akteur:innen kommt hierbei eine große Rolle zu. Um dieser Funktion gerecht zu werden und sie zu realisieren, stehen Flughäfen in Wechselbeziehungen zu zahlreichen Entwicklungsbedingungen in ihrem räumlichen Umfeld, die dann direkt und indirekt miteinander korrelieren. Auf diese Weise entstehen funktionale Räume, die als Flughafenregionen bezeichnet werden.

Aus unserer Sicht gehören für die Stadt Berlin  die Bezirke Treptow-Köpenick, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg dazu. Für das Land Brandenburg sind das die Gemeinden Blankenfelde-Mahlow, Eichwalde,  Gosen-Neu Zittau, Großbeeren,  Königs Wusterhausen,  Ludwigsfelde, Mittenwalde, Rangsdorf, Schönefeld, Schulzendorf, Teltow, Wildau und Zeuthen sowie die Regionalen Wachstumskerne Luckenwalde und Fürstenwalde, der Tesla-Standort Grünheide sowie die Kreisstadt Lübben.

Expert:innen in Wirtschaft und regionaler Forschung nehmen an, dass sich mit der Inbetriebnahme des Flughafens Berlin Brandenburg International im Oktober 2020 der Veränderungsprozess der Flughafenregion beschleunigen wird. Auf welche Aspekte und Wirtschaftszweige trifft dies besonders zu?

Hartmann: Besonders betroffen von den zukünftigen Entwicklungen ist wahrscheinlich der Cluster Verkehr/Mobilität/Logistik, einschließlich Luft- und Raumfahrttechnik und Automotive. Und große Auswirkungen hat das sicher auf das Ansiedlungsgeschehen generell und die Art und Weise der Flächennutzung. Die Themen, die dann auf der Agenda stehen, decken sich mit Fragestellungen und Herausforderungen, die gegenwärtig auch in der Kommunal- und Bundespolitik diskutiert werden. Wie sieht eine nachhaltige Mobilität aus? Wie steht es um Wohnungsbau und steigende Mietpreise bei Beibehaltung einer hohen Wohnqualität? Wie werden Infrastrukturen technisch, sozial und ökologisch sinnvoll genutzt? Und Stichwort „Smart Specialisation“: Wenn alle Regionen zugleich den neuesten Trends in Wirtschaft und Technologie folgen, birgt das den Nachteil der Beliebigkeit. Will sagen: Wie kann ich mich als Region intelligent auf verschiedene Kernbereiche und Branchen spezialisieren und damit eine erfolgreiche Regionalpolitik vorantreiben? Was macht mich als Region singulär?

Andere deutsche Flughäfen wie Frankfurt a.M., München, Düsseldorf oder Köln haben wirtschaftlich erfolgreiche Städte und Länder als Erfolgsfaktoren bzw. Back-Ups hinter sich. Jahrelang galt in Berlin der Spruch des damaligen Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit: „Arm, aber sexy“. Auch die Lufthansa als „Flag-Carrier“ will den BER nicht als Drehkreuz. Wie gehen die Region und der Flughafen damit um?

Hartmann: Die Rolle des BER als sog. Hub, als Drehkreuz in Deutschland und Europa, war und ist stets umstritten gewesen. Die Lufthansa hat frühzeitig klargemacht, dass sie eher auf bestehende Hubs wie Frankfurt am Main, München oder Düsseldorf setzt. Und Air Berlin als damalig zweitgrößte Airline in Deutschland war als wichtigster Kunde für den Hauptstadtflughafen BER eingeplant, doch meldete im Jahr 2017 Insolvenz an. Eine Gesellschaft, die den BER als Homebase nutzt, wäre somit schon strategisch wichtig, aber ist keine Grundvoraussetzung für gute Passagierzahlen. Die Zuwächse bei den Passagierzahlen der damalig noch mehreren Berliner Flughäfen waren vor Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 beeindruckend. Berlin als Tourismus-Standort und Zentrum der Kreativwirtschaft, als Wissenschafts- und Gesundheitsstandort und als Metropole in Europa dürfte auch in Zukunft hinreichend Passagiere anziehen, um im Wettbewerb der Flughäfen bestehen zu können.

Du bist dabei, eine Szenario-Analyse durchzuführen und hast eine Status quo-Analyse der Region durchgeführt, die bald als Working Paper erscheinen wird. Welche Stärken und Schwächen der Region sind darin besonders augenfällig geworden?

Hartmann: Auf der Haben-Seite der Stärken stehen, dass es große und vielfältige Potenziale in der Wissenschaft sowie bei technologieorientierten Unternehmen an konzentrierten Standorten gibt. Es besteht eine hohe Ansiedlungsdynamik, und auch die Vielfalt generell in den Teilräumen der Flughafenregion ist hoch. Eine gute Lage im Speckgürtel von Berlin, auch hoch attraktive naturnahe Wohn- und Erholungsmöglichkeiten sind weitere Stärken der Region. Und wir sehen ja auch durch die Ansiedlungen von Tesla und anderen Institutionen wie dem Robert Koch-Institut: die Region zieht und ist attraktiv. Als Schwächen würde ich nennen, dass die Kooperation zwischen den Kommunen verbesserungswürdig ist. Ferner gibt es Engpässe bei Wohnangeboten und Fachkräften. Und wie vorhin schon angedeutet. Auch ein Regionalmarketing ist bislang kaum entwickelt. Wir wollen diese Stärken und Schwächen näher besprechen und analysieren in einem geplanten Zukunftsworkshop im Oktober 2021 mit Teilnehmer:innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.

Wo sieht sich bzw. wo siehst Du die Flughafenregion in zehn Jahren?

Hartmann: Ich sehe sie als eine der innovativsten und wirtschaftlich prosperierendsten Regionen Europas. Sie ist Top 1 Standort für Wissenschaft und Technologie in Deutschland.

Populärwissenschaftliche Frage zum Abschluss: Für all diejenigen, die den Flughafen Tegel (TXL) vermissen. Was ist der beste Platz zum sog. Plane-Spotting in der BER-Flughafenregion?

Ich würde den Wall Waßmannsdorf an der B 96a wählen. Dieser ist gut erreichbar mit der S-Bahn und mit dem Auto. Eine gute Nähe zur Startplan ist garantiert; und man merkt, dass auch die Zahl der Flüge nach dem Corona-Schock für den nationalen und internationalen Luftverkehr wieder ansteigt.

Frank Hartmann, wir danken Dir herzlich für das Gespräch.

Der „Innovation Hub 13 – fast track to transfer“ ist ein Projekt der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und der Technischen Hochschule Wildau und gehört zu den 29 ausgewählten Gewinnern der Bund-Länder-Förderinitiative „Innovative Hochschule“, ausgestattet mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung BMBF und des Landes Brandenburg. Weitere Informationen finden Sie unter www.innovative-hochschule.de.

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Der „Innovation Hub 13 – fast track to transfer“ der Technischen Hochschule Wildau und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg gehört zu den 29 ausgewählten Gewinnern der Bund-Länder-Förderinitiative „Innovative Hochschule”, ausgestattet mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung BMBF und des Landes Brandenburg. Weitere Informationen finden Sie unter www.innovative-hochschule.de

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